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Kommentar

Wenn man an einem Tag mehr lernt als während der gesamten Schulzeit

Tanja
Egli
Mittwoch, 13. Juni 2018, 16:20 Uhr Grosser Rat
Während der Mittagspause hat sich der Grossratssaal geleert.
TANJA EGLI

Am Dienstag tagte im Churer Grossratsgebäude das Bündner Parlament. Pünktlich um 8.15 Uhr ging es mit dem zweiten Tag der Junisession los. Und genau bei dieser Junisession lernte ich zum ersten Mal in meinem Leben den Grossen Rat kennen. Ein Erlebnisbericht.

Kurz vor 8 Uhr begeben sich die ersten Grossräte ins Gebäude. Es werden immer mehr, und ehrlich gesagt schlägt auch mein Puls immer höher. Die Glocke läutet, es ist 8.15 Uhr. Pünktlich startet Standespräsident Martin Aebli mit der Diskussion über die Fremdspracheninitiative. Verschiedene Grossrätinnen und Grossräte melden sich zu Wort. Die Diskussion über die Frühfremdsprachen in der Schule wird in unserem dreisprachigen Kanton Graubünden schon lange geführt. Häufig fällt der Satz: «Wir müssen dabei auf die Kinder achten.» Auch fallen Voten wie: Die Kinder seien überfordert. Oder: Das schulische Niveau in den Fremdsprachen im Kanton Graubünden sei sehr gut. Ich frage mich dabei ernsthaft, ob es in diesem Falle an mir liegt, dass ich, trotz vier Jahren Italienischunterricht in der Schule, kaum etwas davon verstehe, was Grossrat Ilario Bondolfi in seiner Muttersprache sagt. Doch mit ziemlicher Sicherheit hätte das weit mehr als die Hälfte meiner gleichaltrigen Kolleginnen und Kollegen aus dem Kanton Graubünden ebenfalls nicht zu übersetzen vermocht.

Aber nun zu dem, was mir am stärksten aufgefallen ist. Die heutige Welt verändert sich schnell. Sehr schnell. Grund dafür ist insbesondere die Digitalisierung. Durch diese werden beispielsweise Kinder und Jugendliche bereits sehr früh mit Fremdsprachen konfrontiert. Eine komplett andere Ausgangslage also als noch vor 20, 30 Jahren. Deshalb hat mir persönlich im Grossen Rat vor allem eines gefehlt: junges Blut. Damit meine ich Personen, welche ihren Schulabschluss vor weniger als 20 Jahren gemacht haben.

Und nun zum Punkt, welcher mich noch bis spätabends in den Schlaf begleitet hat: Als Absolventin einer Bündner Mittelschule finde ich es eine Schande, dass einem während der Schulzeit nichts über die Bündner Politik beigebracht wird. Dabei will ich weder meine alte Schule noch meine ehemaligen Lehrerinnen und Lehrer beschuldigen. Insbesondere bei den Regierungsratswahlen vom letzten Sonntag habe ich von Vertreterinnen und Vertretern meiner Generation oft zu Ohren bekommen, dass sie oder er nicht wählen gehen würden.

Jetzt einmal abgesehen vom ganzen Bündner Bauskandal, welcher uns in den letzten Wochen und Monaten beschäftigt hat: Wieso sollte ein 20-Jähriger oder eine 20-Jährige den Stimmzettel für die Regierungsratswahlen ausfüllen, wenn er oder sie das politische System im Kanton nicht kennt? Meiner Meinung nach gehört dieses Wissen zum obligatorischen Schulunterricht, egal ob Sek, Real oder Gymi. Und glauben Sie mir, liebe Leserinnen und Leser, die Zeit, sich einmal das Grossratsgebäude oder gar einen Teil einer Session anzusehen, wäre in den neun obligatorischen Schuljahren definitiv vorhanden. Ich weiss, dass einige Churer Schulklassen den Grossen Rat besuchen. Aber ist es fair, wenn im ganzen Kanton in Mathe, Deutsch oder Geschichte überall dasselbe gelernt wird, so etwas Wichtiges wie die kantonale Politik aber nur den Schülerinnen und Schülern in der Hauptstadt vor Augen geführt wird? Es muss ja nicht gleich eine ganze Session sein, nur schon ein kurzer Einblick würde reichen, damit sich jeder Bündner Jugendliche zumindest ein Bild davon machen könnte.

Ich jedenfalls konnte am Dienstag extrem viele wichtige Eindrücke zum Bündner Politsystem sammeln. Weil das für die meisten meiner Generation aber nicht gilt, ist es meiner Ansicht nach auch alles andere als verwunderlich, wenn heute zu wenig junges Blut im Grossen Rat sitzt oder wenn Junge ihren Wahlzettel nicht ausfüllen. Wieso sollten sie auch, wenn die Mehrheit von ihnen von der Bündner Politik keine Ahnung hat?

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Dass man in der Schule wenig bis nichts über Politik und Gesundheit und Vierte Gewalt lernt, warum wohl? Wissen ist Macht, Unwissenheit Ohnmacht.
Unwissende vertreten weniger ihre Eigeninteressen, so kann die "Classe Milliardaires" besser ihre Eigeninteressen vertreten.

Wow Tanja, super Bricht! Sehr träffend gschribe.
Ich gloube, es wird nid nome im Kanton Graubünde ds'wenig öber die regionali Politik gred, sondern ou i anderene Kantön. Wär duet scho gärn abstimme, wemer nid druschont und nid versteit, um was dasses geit.
Liebe Gruess vo de gliche, unwössende Generation